Warum das vollgestopfte Bücherregal keine Penisverlängerung ist.

Kunst und Kultur., Literatur
Die von uns hochgeschätzte ze.tt-Redakteurin Josefine Schummeck plädierte kürzlich in dem Artikel “Hört auf, mit vollen Bücherregalen anzugeben!” für mehr Mut zur literarischen Lücke im heimischen Bücherregal. Als jemand, der täglich abends vor dem zu Bett gehen zärtlich über die Einbände der dicht an dicht gedrängten Bücher streicht, die mittlerweile beinahe eine komplette Zimmerwand einnehmen, können wir uns eine Antwort darauf nun nicht verkneifen.

Eines vorneweg: Bücher sind Freunde und keine Statussymbole. Nikolai Wassiljewitsch Gogols “Die toten Seelen” ist keine Penisverlängerung, kein Ersatz für den fehlenden Ferrari und – um mal artig die weibliche Stereotypenschublade aufzuschubsen – auch kein Versuch die nicht vorhandenen, fetten Diamantklunker an unseren Fingern oder Hälsen wettzumachen. Tatsächlich haben wir sage und schreibe drei Anläufe gebraucht, bis wir bei all den russischen Namen soweit durchblickten, dass wir die vollen 528 Seiten Gogols durchackern konnten. Hinterher waren wir stolz wie Bolle. Nichts ist befriedigender als ein anstrengendes Buch bis zur letzten Seite zu lesen und hinterher zufrieden zu denken, dass es sich doch gelohnt hat. Und sei es nur wegen dieses einen Satzes, der ganz am Ende versteckt zwischen zwei Monsterabsätzen die große Erkenntnis offenbarte. Wir lieben das. Sich durchzubeißen, weil wir davon überzeugt sind, dass man sich nur eine Meinung bilden kann, wenn man jeden Buchstaben konzentriert umdreht. Wenn kein Punkt und kein Komma mehr unbeachtet bleibt.

Warten auf den richtigen Moment

Milan Kunderas “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” haben wir noch immer nicht zu Ende gelesen. Die alte, schon etwas zerfledderte Ausgabe vom Flohmarkt steht seit rund acht Jahren in unserem Regal. Viermal haben wir bisher versucht es zu lesen. Jedesmal mussten wir feststellen, dass es noch nicht passt. Dass wir einfach noch nicht reinkommen in diese Geschichte. Nervig ist das und auch irgendwie frustrierend. In unserem Kopf existiert nämlich die Vorstellung, dass dieses Buch wunderbar zu uns passen müsste. Dass wir in der Handlung eigentlich prima müssten versinken können. Tatsächlich war dies bisher nicht mal ansatzweise der Fall. So geht es uns oft. Diese Bücher stellen wir dann still zurück ins überfüllte Regal und warten auf den richtigen Moment es erneut zu versuchen. Wir sind uns sicher: Irgendwann werden wir diese Geschichten lieben!

Die Aussage “Bücher sind Freunde” ist hier wörtlich zu verstehen. Genauso wenig wie wir Freunde aus unserem Leben streichen, wenn ein Treffen mit ihnen mal nicht ganz so gelungen war oder wie wir amouröse Beziehungen zu Menschen beenden, nur weil der erste Kuss möglicherweise etwas irritierend da ungeschickt/feucht/penetrant/etc. pp. war, sortieren wir Bücher nicht aus, nur weil es mit dem Lesen nicht auf Anhieb geklappt hat.

Es gibt nur wenig Bücher, die so richtig mies sind. Der Hauptfehler, den man beim Lesen machen kann, ist wohl eher der, das falsche Buch im falschen Moment zu greifen. Wenn wir bis zur Haarspitze verliebt sind und die Gedanken wahnwitzig Achterbahn fahren, möchten wir uns nicht mit der todtraurigen “Anna Karenina” beschäftigen. Ein Spitzenbuch übrigens – im richtigen Moment.

Das Bücherregal als Reisetransportmittel.

Bücher ungelesen ins Regal zu stellen, hat also nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass wir mit unserem bahnbrechenden Intellekt angeben wollen, sondern vielmehr damit, dass wir die Gewissheit schätzen, uns vor unserer Regelreihe jederzeit nur etwas nach oben links recken zu müssen, um zu unserem verblichenen Kundera-Exemplar zu gelangen. Nur für den Fall, dass uns der Sinn plötzlich nicht mehr nach der 50 Cent-Liebesschnulze steht, die wir gerade lesen. Das beruhigt unser rastloses Gemüt ungemein. Ein paar Meter entfernt von Dutzenden verschiedenen Geschichten, die uns jederzeit in eine völlig andere Welt entführen können. Und dann all die schönen, alten Bücher unserer verstorbenen Stiefoma! Auch wenn uns bislang noch nicht das dringende Bedürfnis befiel die vollständige Werksammlung Schillers oder Goethes in einem Rutsch durchzulesen, gefällt es uns doch, im Bett liegend mit trägem Blick auf die verschnörkelten Ledereinbände zu blicken und uns vorzustellen, wie die bebrillte, grauhaarige Dame auf ihrer zerschlissenen Couch saß und in besagten Schinken las.

Außenwirkung? Uns doch egal!

Was wir uns allerdings nun ersthaft fragen, ist: Wieso fühlt man sich von einem vollen Bücherregal eingeschüchtert? Und was bedeutet das für uns, die mehr Bücher besitzen als Angela Merkel Hosenanzüge? Müssen wir fortan unsere geliebten Wälzer unter dem Bett verstecken, damit sich der Besuch nicht minderwertig fühlt oder uns gar der geisteswissenschaftlichen Protzerei bezichtigt? Wie kommt man überhaupt darauf ein volles Bücherregal zum Anlass für Unsicherheiten zu nehmen? Wir für unseren Teil haben weder unsere Literatursammlung noch das Turbostaat-Poster in unserer Küche nach dem Kriterium der Außenwirkung gewählt. Wenn wir so darüber nachdenken, gilt das vermutlich für die wenigsten Menschen, die wir kennen. Also liebe Josefine Schummeck, keine Angst. Ein pralles Bücherregal ist nicht dafür da Dich zu verunsichern oder unsere enorme Klug- und Belesenheit zu beweisen, sondern eher ein Indiz dafür, dass wir gerne jederzeit die Möglichkeit haben mittels ein paar Buchseiten aus dieser Welt zu entfliehen.

In diesem Sinne: Fröhliches Lesen allseits!