Wie wir einmal von der Leipziger Buchmesse mit dem Taxi zurück nach Berlin fahren mussten.

Kaffeepause

Manchmal läuft alles schief. So richtig. Mit Pauken und Trompeten und Tränen in den Augen  und am Ende grenzenloser Erschöpfung. Oder in unserem Fall: mit einem Taxi nach Berlin. Wie unser Besuch der Leipziger Buchmesse dank der Deutschen Bahn im Desaster endete.


Vielleicht sind wir etwas naiv an die ganze Sache rangegangen. Womöglich sind wir selbst Schuld, weil wir dezent gutgläubig und blauäugig die Rückfahrt in den späten Abendstunden von der Leipziger Buchmesse zurück nach Berlin mit dem Zug  buchten, weil dies nicht nur die günstigste Fahrt war, sondern uns auch noch etwas Zeit ließ uns ein wenig in Leipzig umzuschauen und dort Freunde zu treffen. Wahrscheinlich waren wir dumm eine Verbindung zu wählen, die um 23:17 mit der S-Bahn am Leipziger Hauptbahnhof starten und uns danach mit zwei Regionalbahnen zurück in die große Stadt bringen sollte.

Spätestens als wir auf die S-Bahn warteten und unser Smartphone unheilvoll vibrierte, hätten wir uns denken können: Das wird nichts. Verspätungsalarm! Das schlimmste aller Wörter für einen Bahnkunden, wenn man weiß, dass man die letzte mögliche Verbindung in die Heimat gebucht hat. Aber wir wollten ja positiv denken. Die Deutsche Bahn könnte einen ja auch mal überraschen. Und überhaupt… wenn unsere erste Regionalbahn 13 Minuten Verspätung hatte, weil sie auf Fahrgäste aus einem anderen, ebenfalls verspäteten Zug wartete, dann würde unsere Anschlussbahn sicher ebenfalls geduldig ausharren, bis wir erschöpft aber glücklich in ihre Abteile gestolpert wären. Schließlich wollten hier immerhin knapp 24 Menschen dringend mit dem letzten Zug nach Berlin.

Etwas über eine Stunde später standen wir dann in der Dunkelheit des Bahnhofs Lutherstadt Wittenberg Hbf. Zwei Dutzend müde, verfrorene Fahrgäste, die aus der Regionalbahn purzelten und feststellen mussten, dass der Bahnhof wie ausgestorben war. Die Anschlussregionalbahn hatte natürlich nicht gewartet. In Wittenberg waren die Bürgersteige bereits hochgeklappt. Kein Bahnmitarbeiter weit und breit. Keine einzige beleuchtete Anzeigetafel, die verraten hätte, dass irgendwann nochmals irgendwas gefahren wäre. Nicht mal ein Ort, wo man im Warmen auf den nächsten Zug in den frühen Morgenstunden hätte warten können. Keine Vorhalle, kein Aufenthaltsbereich, kein Imbiss, nicht mal eine runtergekommene Eckkneipe. Das Handy, das den ganzen Tag Messe-Lagepläne und Stadtpläne zur Verfügung gestellt hatte, piepte gnadenlos. „Bitte den Akku laden!“ Online Alternativrouten abchecken? Pustekuchen. Ein letzter Blick ins World Wide Web verriet: Da geht nichts mehr. Und dann: ein schwarzer Bildschirm. Akku alle. Geil.

Als eine junge Frau schließlich energisch zum Mobiltelefon griff und wider Erwarten tatsächlich einen Bahnmitarbeiter an die Strippe bekam, fühlte es sich ein bisschen an wie in einem schlechten RTL-Explosiv-Bericht. 23 Menschen warten gebannt und lauschen der Stimme, die über den Lautsprecher ihres Handys kam. Das Ergebnis: niederschmetternd. „Nehmen Sie halt den nächsten Zug!“ „Der kommt um sechs Uhr früh!“ „Na dann eben ein Taxi!“. Echt jetzt?

Ein Taxi nach Berlin. Von Lutherstadt Wittenberg aus. Was bedeutet, dass man mindestens 111 km würde fahren dürfen. Mit dem Taxi. Einem Luxus, den man sich schon in Berlin selten für kurze Strecken gönnte, weil das Geld eben nicht so locker sitzt. Irgendwann die resignierende Erkenntnis: Entweder man wartet bei einem Grad plus fünfeinhalb Stunden auf dem eisigen, windigen, leeren Bahnhof auf den nächsten Zug oder man beißt in den sauren Apfel und zahlt die vom Taxifahrer veranschlagten 220 Euro für die Fahrt in die Hauptstadt. Wir entschieden uns für das Runterwürgen und quetschten uns in diverse Taxen.

An dieser Stelle möchten wir uns herzlichst bei der Deutschen Bahn für dieses unglaubliche Reisevergnügen bedanken. Es war ein Erlebnis! Wären die Mitreisenden nicht so solidarisch gewesen und hätten beschlossen sich Taxen zu teilen… wir wären in Lutherstadt Wittenberg nicht weggekommen. 220 Euro haben wir äußerst selten mal eben bar in der Tasche. Eigentlich sogar nie. Wären wir am Bahnhof geblieben… die Lungenentzündung hätte wohl nicht lange auf sich warten lassen, brummten die Bronchien doch  bereits seit geraumer Zeit unwillig angesichts der niedrigen Außentemperaturen.

Wirklich bedanken möchten wir uns aber tatsächlich bei den zwei Dutzend Menschen, die mit uns grübelten, rechneten, recherchierten und schließlich die Rechnung teilten. Es war nett zu erleben, dass keiner einfach so am Bahnhof stehengelassen wurde.