Unser Online-Leseverhalten – Oder: Können wir überhaupt noch konzentriert lesen?

Kunst und Kultur., Literatur

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Unsere Nervenzellen sind flexibel. Mit unseren Erfahrungen, Handlungen und Bedürfnissen ändert sich auch unser Gehirn stetig. Schlägt der Mensch ein Buch auf und fängt an konzentriert zu lesen (Was übrigens kein natürlicher Vorgang ist. Wir haben es mühsam erlernen müssen. So gesehen handelt es sich beim Lesen um eine kulturelle Tätigkeit.), jubelt der Bereich des Gehirns, der für Sprache, Erinnerung und visuelle Verarbeitung zuständig ist. Schlagartig werden intellektuelle Vorgänge angestoßen: Wir assoziieren, reflektieren, stellen in Frage, bilden Rückschlüsse und verarbeiten munter drauf los. Das Gehirn nickt artig und bastelt neue Synapsen.

Klicken wir eine Website an und fangen an online zu lesen, passiert ähnlich viel im Gehirn. Wenn auch etwas völlig anderes. Unsere Aufmerksamkeit wird deutlich stärker gefordert. Wir bewerten permanent das, was wir sehen und wir sehen online viel. Blinkende Bildchen, weiterführende Links, Grafiken, Gestaltungselemente, Farben und und und. Unser Gehirn betreibt Multitasking par excellence und versucht alles möglichst zeitgleich zu verarbeiten. Klappt leider selten, so dass die wabbelige Masse in unserem Oberstübchen irgendwann den Betrieb einstellt. Gemäß der Psychologie ist Lernen mit kognitiver Belastung verbunden. Je mehr wir gleichzeitig versuchen aufzufassen, desto eher leidet irgendwann ähnlich einem Computer die Performance. Die Folge: Wir übersehen wichtige Details, überfliegen nur noch, brauchen länger um überhaupt zu verstehen, was wir vor uns haben, speichern schlechter ab und brechen schlimmstenfalls irgendwann frustriert weil überfordert ab. Online passiert dieses Phänomen naturgemäß schneller. Zu viel Ablenkungsmöglichkeiten wie die aufploppende Facebook-Nachricht, die sich mit einem leisen “Pling” ankündigende E-Mail mit dem Link zu diesem neuen Katzenvideo, das so wahnsinnig lustig sein soll. Und dann erst die weiteren Video-Vorschläge, die Youtube uns präsentiert, während wir das Katzenvideo sehen. Wie lustig ist dieser Mops im Krümelmonsterkostüm bitte? Und schwups sind wir gedanklich weit weg von unserem ursprünglich gelesenen Online-Text. Da wieder in die alte Konzentration zurückzufinden, ist eine haarige Angelegenheit.

Das Problem hierbei: Bei Kindern liegt die Sache ein klein wenig anders. Da Teilsysteme ihres Gehirns, die für das Verfolgen von langfristigen Zielen zuständig sind, noch nicht vollständig ausgereift sind, neigt der kindliche User dazu sich online eher zu verlaufen. Einmal abgelenkt, ist die Konzentration flöten.

Und weil das beim Lesen online so gut funktioniert, gehen wir dazu über Texte nur noch zu überfliegen. Eine Eyetracking-Studie mit über 300 Usern, die sich hunderte von Websites unterschiedlichster Art ansahen, besagt, dass wir online nur noch rund 20% eines Textes wirklich lesen. 79% der User lesen nicht mehr Wort für Wort, sondern “scannen” nur noch.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist klar: Wir verlernen in die Tiefe zu gehen und uns längere Zeit einer Sache konzentriert zu widmen. Die große Frage dahinter ist immer: Speichern wir die Informationen dennoch ausreichend ab? Haben wir alles Wichtige, alles Wissenswerte tatsächlich erfasst, wenn wir einen 10.000 Zeichen-Artikel in zwei Minuten überflogen haben? Alle zwei Minuten wechseln wir nach einem Mozilla Firefox-Report übrigens auch mal den Tab. Durchschnittlich haben 50% der Firefox-Nutzer nämlich mehr als 2,38 Tabs gleichzeitig offen. Das Programm wechseln wir in der Stunde gleich satte 36mal. Wie war das noch mit dem Multitasking?

Manchmal ertappen selbst wir uns dabei, dass wir im Freundeskreis bei bestimmten Themen mitreden, obgleich wir bei besagtem Artikel nur den Teaser und den ersten Absatz gelesen haben. Ein Verhalten, das übrigens völlig normal ist. Erwähnter Eyetracking-Studie nach, lesen wir online verstärkt F-förmig. Genau, sozusagen F wie fast. Den ersten Abschnitt lesen wir ggf. noch komplett. Ein weiterer horizontalter Streifen folgt etwas weiter unten. Vielleicht der erste Satz des nächsten Absatzes. Dann sind wir satt und faul und fahren einmal vertikal runter. Ist das erste Wort im Satz kein Eye-Catcher, scrollen wir weiter. Wird schon passen. Passt auch meistens. So einigermaßen zumindest.

Was wir uns bei Bildern wie diesen jedoch fragen, ist: Kann das gutgehen, wenn Kinder eines Tages fast ausschließlich online lesen? Wenn wir uns online schon nicht konzentrieren können und uns nur noch ein latentes Halbwissen aneignen, wie sollen es dann unsere Kids? Und wenn künftige Generationen ein derart anderes Mediennutzungsverhalten an den Tag legen, bei dem bedrucktes Papier schon eine einjährige Kruke langweilt und nur das iPad der Eltern spannend ist, wie werden sich die Lesegewohnheiten dann weiter verändern? Lesen wir eines Tages ausschließlich digital? Ein bisschen gibt uns das Ganze zu denken.
So begeistert wir von den Möglichkeiten des Internets und der technischen Welt sind, so sehr sorgt sich die Haptikerin in uns um das bedruckte Papier. Um das tiefgehende Lesen. Um die Konzentration.

„Once I was a scuba diver in the sea of words, now I zip along the surface like a guy on a Jet Ski.“

(Nicholas Carr)

Und so wackelt unser Haupt nachdenklich, während wir an digitale Lernspielchen, die Option mal eben ein Wort online nachzuschlagen, das man noch nicht kennt oder den immensen Vorteil denken, dass wir im WWW ganz entspannt mit nur einem Mausklick von zig weiteren Dutzend Informationen entfernt sind, die wir jederzeit von überall aus abrufen können. Wir lieben das Internet und wir lieben die Möglichkeiten, die sich uns dadurch bieten. Aber irgendwie können wir nicht gänzlich bestreiten, dass wir vordergründig an der Oberfläche schaben. Dass wir schlichtweg keine Zeit mehr haben uns richtig eingehend mit einem Thema zu beschäftigen. Also überfliegen wir jeden zweiten Artikel bei Spiegel Online, switchen rasch mal zu Zeit Online und zur Süddeutschen und lesen quer. Das Ergebnis: Wir sind grob informiert über das aktuelle Tagesgeschehen, steigen bei intensiveren Debatten jedoch ziemlich schnell aus. Ob das so gut ist, wissen wir noch nicht.

Denken wir an die erwähnte Eyetracking-Studie, dürften von 100 Lesern vielleicht zehn hier noch am Ball sein und bis zum Ende gelesen haben. Und selbst die haben vermutlich eher quergelesen. Glaubt Ihr nicht? Machen wir doch den Test aufs Exempel (Ohne zu scrollen und zu schummeln!):

  • Warum ist das Lesen online bei Kindern so problematisch?
  • Was hält unser Gehirn vom Multitasking?
  • Und was passiert eigentlich beim Lesen von bedruckten Papier im menschlichen Oberstübchen?
  • Welcher Browser-Anbieter hat verblüffende Zahlen zum Surfverhalten online gestellt?

In diesem Sinne: Ein herrliches Wochenende allseits!

Quellen und Interessantes:
Jakob Nielsen (NN/G) (2006): F-Shaped Pattern For Reading Web Content.
Jakob Nielsen (NN/G) (1997): How Users Read on the Web.
Nicholas Carr (2008): Is Google Making Us Stupid?
taz.de (2013): Online-Lesegewohnheiten: Klick – und weg bist du.
Spiegel Online (2014): Lesen im Internet: Im F-Format durch Texte springen.
Interactive Infographic: 13 Reasons Why Your Brain Craves Infographics.
süddeutsche.de (2014): Eltern und Erzieher lehnen digitale Früherziehung ab.
ARD/ZDF Onine-studie (2014).
Wired Academic (2012): Infographic: Digital Stress and Your Brain.

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