Love it oder leave it.

Kaffeepause

Wir haben heute zum allerersten Mal in unserem Leben bei einer Telefonseelsorge angerufen. Über manche Sachen spricht man nicht. Dass man bei einer Seelsorgerhotline angerufen hat, gehört zweifellos zu den Dingen, die man besser verschweigen sollte. Gegenüber den Freunden, Bekannten, Verwandten, dem Arbeitgeber und ganz besonders gegenüber dem World Wide Web. Wir machen es trotzdem. Denn: Manchmal brauch man jemanden, der außen steht. Der zuhört und einen nicht mit seinen eigenen Gefühlen bombardiert. Das machen viele. Man erzählt stockend von sehr intimen Sachen und krawumm! Prompt kriegt man eine Story aus dem Leben des Gegenübers an den Latz geknallt. Plötzlich geht es dann verdammt oft um den anderen. Weil wir ungern andere mit unserem Kopfsalat belasten, schweigen wir in so einem Fall und hören zu. Der Spieß dreht sich um. Wir versuchen auf unser Gegenüber einzugehen. Vollautomatisch, auch wenn unsere Mitmenschen das gar nicht im Sinn haben. Heute aber ging das nicht. Heute konnten wir nicht zuhören. Empathisch sein. Unser Gegenüber beobachten. Auf ihn reagieren. Uns über ihn Gedanken machen. Heute brauchten wir so etwas wie ein weißes Blatt Papier.

Unsere Krankenkasse hatte wiederholt unseren Antrag auf Kostenübernahme eines Medikaments abgelehnt, das für uns ziemlich lebenswichtig geworden ist. Nicht, weil unser Körper ohne nicht leben könnte, sondern weil es unser Kopf nicht könnte. Unsere Psyche. Seit etwas über einem Jahr bekommen wir – bisher auf Privatrezepten – ein teures Medikament, das unsere Migräne in Schach hält. Eine Migräne, die unsere Lebensqualität über 17 Jahre so massiv gestört hat, dass wir manches Mal dachten, dass leben definitiv nicht die beste Option ist. So etwas erzählt man niemandem. Das können weder Verwandte noch Freunde aushalten. Bei denen muss man produktiv sein und einen Plan haben. Sowas erzählt man beispielsweise der Telefonseelsorge. Weil man die belasten darf. Dort darf man sein ganzes Unglück abladen, von seiner Verzweiflung erzählen und davon, dass die Krankenkasse für ein Medikament nicht bezahlen will, das zum ersten Mal dafür sorgt, dass wir das Leben wirklich ganz schön finden. Und sie lehnen es ab. Aus Gründen, die keine sind. Da werden eingereichte Unterlagen verschlampt oder nicht weitergegeben und und und. Die Details sind unwichtig. Fakt ist: Einer Telefonseelsorge kann man das erzählen. Mit bebebender Stimme. Man darf sogar zwischendurch heftig rumschluchzen. Die hören zu. Die sagen nicht, dass es sie nervt, dass man schon wieder so unglücklich ist. Sie fordern einen auch nicht auf sich zusammenzureißen. Sie hören einfach zu und fragen vorsichtig nach, ohne dass man sich um ihre Gefühle scheren muss.

Die Gefühle anderer. Eine große Sache für uns. Wir denken immerzu darüber nach. Was denkt unsere Umwelt, wenn wir zum zwanzigsten Mal eine Verabredung absagen müssen, weil der kaputte Körper wieder streikt? Es ist eine Sache dauernd Schmerzen zu haben und krank zu sein aber eine andere, wenn man dabei panische Angst haben muss, dass einen irgendwann niemand mehr mag, weil man dauernd Treffen canceln muss. Unsere größte Sorge: Menschen, die wir mögen, könnten das falsch verstehen. Könnten unser Verhalten als Ablehnung oder Abneigung auffassen. Unsere krankheitsbedingten Eigenarten für Hochmut halten. Oder Arroganz. Kein schönes Gefühl. Vielleicht sogar mit das Allerfieseste aus dem heiteren Repertoire der menschlichen Emotionen.

Wir geben uns so viel Mühe zu funktionieren. Auf Arbeit. In der Uni. Im Privatleben. In der Familie. Im Freundeskreis. Im Haushalt. In der Liebe. Und wir scheitern kläglich. Wir enttäuschen alle. Immer und immer wieder. Wir stoßen Menschen vor den Kopf, die nicht verstehen, dass wir uns nicht aus Spaß an der Freude im Bett verkriechen, sondern weil wir nicht mehr können.

Wir sind die treusten, solidarischsten Freunde der Welt, wenn man uns lässt. Wenn man diese Freundschaft nicht an einer gewissen Anzahl oder Regelmäßigkeit von Treffen festmacht, sondern an der Qualität des Miteinanders. Wir werden immer da sein, wenn man uns braucht aber wir können nicht versprechen, dass wir uns täglich nach der Arbeit verabreden können. Das macht unser Körper nicht mit. Akzeptiert es oder lasst es. Eine Erkenntnis, die die freundliche Dame am Telefon für uns bereit hielt: Wir haben darauf keinen Einfluss. Wir können unserer Umwelt nicht mehr anbieten als wir haben. Entweder man akzeptiert die Einschränkungen, die mit unserer Freundschaft verbunden sind oder man lässt es. Wir können keines von beidem ändern. Uns sind die Hände gebunden. Da können wir uns abrackern wie wir wollen. Unser Körper wird nicht plötzlich tadellos funktionieren und unsere Psyche wird nicht anfangen freudig “Hurrah!” zu brüllen, wenn der Rücken uns mal wieder nicht sitzen, stehen oder liegen lässt. Oder wenn unsere hochsensiblen Nerven auf die Reize unserer Umwelt empfindlich reagieren. Ab einem gewissen Punkt gehen unsere Lichter aus. Akzeptiert es.

Love it oder leave it.