Lesenswert: Jeannette Walls – “Ein ungezähmtes Leben”

Kunst und Kultur., Literatur

half broke horses


“Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten!”

Irgendwo haben wir mal gelesen, dass die Zitate auf den Buchdeckeln zu 90% gänzlich ausgedacht sind. Glaubt man den euphorischen Aussagen der New York Times oder des Sterns auf dem Rücken von “Ein ungezähmtes Leben”, handelt es sich bei der 1960 in Phoenix (Arizona) geborenen Jeannette Walls um die Geschichtenerzählerin schlechthin. Der neue heiße Scheiß quasi. Dass der neue heiße Scheiß größtenteils aus Fragmenten ihrer eigenen Kindheit (“Schloss aus Glas” sowie dem Leben ihrer Großmutter Lily Casey Smith besteht, war uns nicht sofort klar als wir an einem heißen Sommertag seufzend nach Frau Walls zweitem , halb biographischen Roman griffen.

So richtig fesselnd klang das alles nicht. Eine in Texas auf einer Ranch aufgewachsene Frau, die zunächst halbwilde Pferde zureitet, einen hinkenden, grantigen aber liebenswerten Vater hat, der aufgrund eines Unfalls ausschließlich unverständliche Töne von sich gibt aber zeitgleich einen nahezu imposanten Lautsprachefetisch hat, die ihre zwei jüngeren Geschwister mehr oder weniger im Alleingang großzieht, da die feingliedrige Frau Mama lieber ihr Korsett schnürt und in Erinnerung an frühere (edlere) Zeiten im Luxus schwelgt… Nein, so ganz haute uns das anfangs nicht vom Hocker.

Der Trick bei vielen eher schwerfälligen Büchern ist trotzdem weiterzulesen. Die ersten Seiten sprühen nicht sofort Funken? So what. Vielleicht tut es wenigstens die letzte.
In “Half Broke Horses”, wie der 2009 erschienene Roman im Original heißt, entzündet sich auf 357 Seiten eigentlich gar nichts. Trotzdem beginnt einen die Geschichte von Jeannette Walls Oma zu faszinieren. Eine anfangs noch ledige Frau Anfang des 20.Jahrhundert, die sich vom buckelndsten Gaul nicht abwerfen lässt, trotz widrigster Umstände zunächst Lehrerin, dann Ranchefrau, Schnapsschmugglerin, Pokerspielerin, Hobbypilotin, Taxifahrerin und schließlich Mutter wird, erlebt man auch nicht alle Tage. Vor allem nicht mit dieser stoischen Ruhe und Gelassenheit, die Lily auch im allergrößten Chaos bewahrt. Stellenweise ertappt man sich sogar bei dem Gedanken, dass man sich davon eigentlich eine Scheibe abschneiden könnte.

Kurzum: “Ein ungezähmtes Leben” ist nicht wahnsinnig spannend, sprachlich anspruchsvoll oder auch nur besonders gut geschrieben. Aber: Das Leben der Lily Casey Smith ist wirklich bewundernswert und derart prall gefüllt, dass es beinahe für zwei Bücher reichen würde. Spätestens wenn Lilys Vater ihr den Rat gibt “Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten”, hat einen Frau Walls bereits. Ein unaufgeregtes, harmloses aber gleichzeitig partiell unglaublich kluges Buch, das prall gefüllt ist mit kleinen, gut vergrabenen Weisheiten. Nicht plakativ aber wahr. Und das ist oft viel mehr wert.

WALLS, Jeannette: “Ein unbezähmtes Leben”. [Taschenbucherstausgabe] München: Diana Verlag, 2011

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