Schmerzpatientin vs. Krankenkasse: Der Kampf um Cannabis auf Rezept.

Highlights, Kaffeepause

Eigentlich wollte ich diesen Blog nie für private Zwecke missbrauchen. Ich wollte über Musik schreiben, über Kunst und Kultur und manchmal auch über Katzen oder Dinge, angesichts derer man aus dem Schmunzeln gar nicht mehr rauskommt. Ich wollte konsequent in der „Wir“-Form schreiben und Distanz wahren. Mein volles Herzblut hier reinpressen und meine ehrliche Meinung sagen aber nicht mein privates Ich reinbringen, wo es nicht angebracht ist. Ein waghalsiger, wenn nicht gar dummer Plan, wenn man bedenkt, dass ich mein Herz zwar nicht unbedingt auf der Zunge trage aber die Finger ein Eigenleben führen, wenn sie erst einmal die kleinen Erhebungen einer Tastatur unter sich fühlen. Und manchmal… manchmal da laufe ich über.


Ich bin eine Kämpfernatur. War ich schon immer. Anders kommt man nicht klar, wenn die Gesundheit von Kindesbeinen an kaputt und das Leben von Anfang an eher schwierig ist. Ich beiße mich durch. Da ein Tiefschlag? Von mir aus. Heute schlucke ich kurz aber morgen hau ich zurück! Mit einem freundlichen, bezaubernden Lächeln im Gesicht und mit ganz viel Fröhlichkeit. Noch einer? Na gut, wenn es sein muss. Spätestens morgen steh ich auch dann wieder. Man kann mich umboxen wie man möchte. Ich bin ein Stehaufmädchen. Daran wird sich nichts ändern, auch wenn es manchmal hart ist.

Hart ist, wenn es Phasen im Leben gab, wo man aufgrund einer Erkrankung nicht mehr so wirklich den Sinn darin sieht morgens aufzustehen. Wozu auch? Warum denn aus dem Bett krabbeln, Zähne putzen, die Haare bürsten, sich anziehen und zur Schule oder später zur Arbeit und zur Uni trotten, wenn man doch nur wieder binnen kürzester Zeit mit Schmerzen in den Laken landet und mit Tränen in den Augen in das Kopfkissen beißt, weil man sonst ganz sicher gleich losschreit. Den ganzen Frust rausbrüllt. Die ganze Traurigkeit darüber, dass das Leben manchmal einfach nicht gerecht ist. Die Verzweiflung rausschreit, weil der Kopf gerade platzt und man nicht weiß, wie so ein Alltag funktionieren soll. Weil das einfach unfair ist.

Soweit so abstrakt. Es gibt Krankheiten und es gibt Krankheiten. Meine schlimmste Erkrankung heißt Migräne. Mein größter Feind ever. Die treibt mir auch nach beinahe zweijähriger Abwesenheit noch den Angstschweiß aus den Poren, lässt mein Herz hektisch stolpern und mir die Tränen in die Augen schießen, weil 17 Jahre mit dem Scheiß einfach verdammt fies sein können und mein Hirn noch genau weiß, wie sich das anfühlt.

Ein Leben mit Migräne.

Mit 11 Jahren hatte ich das erste Mal Migräne. Nicht die leichte Form, mit der manch einer noch Fahrstunden nehmen oder das ganze mit etwas endorphinschwangerem Sex wegbugsieren kann. Meine Migräne ist ein Arschloch. Bei mir bedeutet Migräne unter anderem eine Aura, die mir binnen Sekunden das komplette Sichtfeld raubt. Was besonders spaßig ist, wenn man alleine auf dem viel befahrenen Hermannplatz steht und blind irgendwie schnellstmöglich nachhause kommen muss, weil man weiß: Gleich wird es erst richtig mies. Neben den krassen, anfangs furchteinflößenden Sehstörungen dann der Rest: massive Übelkeit mit imposantem Erbrechen, was den Regisseur mancher Szene aus „Der Exorzist“ vor Neid erblassen lassen würde, krasse Nackenschmerzen, höllische Kopfschmerzen über acht neun Stunden, Wahrnehmungsstörungen par excellence und dann die vollkommen überdrehten, überreizten Sinne. Wenn man sich kaum traut zu atmen oder auch nur „Aua“ zu denken, weil das schon zu viel ist und verdammt nochmal weh tut. Wenn selbst die dünne Bettdecke auf der Haut unterträglich ist, jedes noch so finstere Zimmer nicht dunkel genug sein kann, jeder zarte Geruch unerträglich und jedes Geräusch nicht auszuhalten.

Wenn ich Migräne habe, möchte ich eigentlich nur eins: sterben. Auf der Stelle. Leider hört das nicht auf, wenn die Migräne vorbei ist. Danach geht es erst richtig los. Ich fange an mich permanent zu beobachten. Ist das Flimmern im Augenwinkel ein erster Migräne-Vorbote? Und das Ziehen im Nacken? Der immense Hunger? Die Gereiztheit? Das war doch auch schon mal ein Anzeichen für eine bevorstehende Migräne… und dann kommt die Panik. Eine Panik, die einen auffrisst und in den schlimmsten Zeiten dafür sorgte, dass ich die Wohnung nicht mehr verlassen wollte. Die soweit ging, dass ich zu der Psychotherapeutin, die ich aufgrund der migränebedingten Panikattacken besucht habe, nicht fahren konnte, weil ich zu große Angst hatte unterwegs Migräne zu bekommen. Alles was ich getan oder unternommen habe, habe ich bei der Planung hinsichtlich des Fahrtwegs abgeklopft: Wie lange würde ich im Zweifel einer Migräneattacke brauchen, um in mein Bett zu gelangen? Wo könnte ich mich notfalls hinlegen? Hab ich genug Taxigeld und eine Kotztüte, für den Fall dass ich unterwegs überrascht werde?

Der kurze Weg zum Supermarkt um die Ecke wurde nach einer Migräne zur unüberwindbaren Hürde. Bei jedem Schritt: Panik. Panik Panik Panik. Und Depression. Wozu den überhaupt wieder an die Normalität gewöhnen, die Panik versuchen in den Griff zu bekommen, wenn die Migräne mich – kaum, dass es mir wieder etwas besser ging – doch eh sofort wieder von hinten anspringen würde? Wozu das Ganze?

Ich habe in den beinahe zwei Jahrzehnten, in denen ich Migräne habe, alles versucht. Ich habe alle Medikamente und Therapiemöglichkeiten durch, die mir Dutzende verschiedene Neurologen, Krankenhäuser, Orthopäden, Schmerzkliniken, Psychiater, Heilpraktiker, Naturheilkundler und sonstige Heiler gegeben haben. Ich habe sämtliche Triptante durch, die es auf dem Pharmamarkt gibt. Ich habe gesprüht, geschluckt, gespritzt und auf der Zunge zergehen lassen. Ich habe Akkupunktur ausprobiert, Ostheopathie, Nahrungsumstellungen, einen geregelten Tages- und Nachtrhythmus, Yoga, Entspannungsübungen, Meditation, Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol, manuelle Therapie, Pestwurz, hochdosiertes Magnesium, Muskelentspanner, Atlasprofilaxe, Hypnose, Massagen, Mittel gegen Übelkeit, krasse Schmerzmittel bishin zu Opiaten. Ich habe vorbeugend Jahre lang Antiepileptika, Betablocker und Antidepressiva geschluckt, in der Hoffnung, dass irgendetwas auch nur ansatzweise im Akutfall hilft oder die Intensität zumindest etwas mildert aber keine Chance. Was ich auch tat… es blieb komplett fruchtlos. Ich war eine Art Premiumpatientin. Ich habe alles getan, was auch nur den Hauch einer Möglichkeit bot zu helfen. Nichts. Und das Schlimmste war, dass ich die Panik nicht los wurde. Mein Alltag wurde beherrscht von der Migräne. Die wenigen Stunden, in denen ich mal nicht an Migräne dachte, konnte man an einer Hand abzählen.

Vor zwei Jahren war es dann vorbei. Ich konnte nicht mehr. Mein Neurologe erklärt mir schulternzuckend, dass er auch nicht mehr weiter wüsste. Dass ich quasi austherapiert wäre. Es gäbe nichts, was er mir noch verschreiben könnte. Ich könne nur „Tavor“ nehmen. Tavor ist Lorazepam, was wiederum zu der Gruppe der Benzodiazepine gehört und gemäß meines Arztes dazu führen sollte, dass ich die Migräne einfach verschlafen würde. Damals musste ich beinahe lachen. Am Hermannplatz zusammenrollen und einfach schlafen, um dann – wenn alles vorbei ist – aufzustehen, den Dreck abzuschütteln und nachhause zu fahren. Ein super Plan. Dass Tavor hochgradig schnell süchtig machen kann und krasse Nebenwirkungen hat… ja gut. Das kannte ich ja schon von den tausend anderen Medikamenten, von denen ich oft noch Wochen nach der Einnahme das Gefühl hatte komplett vergiftet zu sein. In dem Moment, als er mir die kleine Probepackung reichte, war klar: Das ist jetzt die letzte Möglichkeit. Eine andere Lösung gab es nicht. Ende Gelände. Aus die Maus.

Der Wendepunkt.

Kurz darauf las meine Mutter einen Artikel im Internet über den Einsatz von Cannabis bei Migräne. Ich war zu fertig um noch selbst zu recherchieren oder mich schlau zu machen. Zu erschöpft um neue Ärzte zu kontaktieren oder mit der Krankenkasse über irgendwas zu diskutieren. Also machte meine Mama das. Mir war es egal, dass sie für mich bei einer Ärztin anrief, die als Expertin auf dem Gebiet gilt und einen Termin machte. Sicher, ich war erwachsen aber im Augenblick war ich froh, dass ich die Energie aufbrachte jeden Morgen aufzustehen.

An dem Tag, als ich zum ersten Mal die Praxis von Frau Dr. M. betrat, änderte sich alles. Von Grund auf. Sie machte mir Hoffnung. Und sie hörte zu. Sie nahm mich ernst und schlug nicht wie der Arzt damals in einer Schmerzklinik vor, dass ich mich „einfach nur mal richtig verlieben müsste“, weil die Migräne dann schon aufhören würde. Eine Woche später bekam ich das Medikament „Dronabinol„, das sie mir auf einem BTM-Rezept verschrieb. Ich, die im Leben noch nicht mal an einer Zigarette gezogen hatte, geschweige denn an einem Joint, weil meine Gesundheit ohnehin schon so massiv wackelig war, dass ich sie nicht auch noch mit Sachen belasten wollte, die das Ganze noch schlimmer machen konnten, bekam nun vorbeugend also Cannabis auf Rezept. Oder konkret: THC in öliger Form. Sechs Wochen später bekam ich die erste Migräne. Sie war hart aber die ersten zwei Stunden war ich völlig ruhig. Ich war überzeugt: Das muss mir jetzt helfen. DAS HILFT MIR JETZT VERDAMMT NOCHMAL. Höllische Schmerzen hatte ich dennoch und gekotzt habe ich auch wie ein Reiher. Aber das Bemerkenswerte: Die Attacke war deutlich schneller vorbei als jemals zuvor. Und danach war ich zwar erschöpft und deprimiert aber nicht hochgradig depressiv, suizidgefährdet und vollkommen erschlagen. Im Gegenteil. Mir war klar, dass das einfach der Anfang war. Dass Frau Dr. M. und ich einfach erst die richtige Dosierung für mich würden finden müssen, damit ich das blöde Arschloch Migräne endgültig würde weghauen können. Und das haben wir hinbekommen. Bei meinem nächsten Besuch bei Frau Dr. M. bekam ich zusätzlich zum psychoaktiven THC auch noch eine CBD-Lösung verschrieben, die meine Muskulatur lockern und mich entspannen soll. Normalerweise rede ich darüber nicht. Man wird schief angesehen oder belächelt. „Kiffen auf Rezept! Geil“. Von wegen geil. Ich würde mein letztes Hemd dafür geben gar kein Medikament zu brauchen aber das will leider keiner. Aber genau das ist der Punkt: Cannabis ist für mich ein Medikament. Kein Privatvergnügen.

Cannabis auf Rezept

Seit Oktober 2015 nehme ich beide Medikamente jetzt regelmäßig ein. Ich bezahle sie privat, weil Cannabis bis zum März 2017 nur durch Ausnahmegenehmigungen in Blütenform erhältlich war bzw. von den Kassen übernommen wurde. Für ein kleines Fläschchen Dronabinol zahle ich 195 Euro. Für meine CBD-Tropfen knapp 45 Euro. Mit einem Exemplar von jeder Sorte komme ich ungefähr zwei bis zweieinhalb Monate hin, weil ich über jeden Tropfen nachdenke. Als ich zum ersten Mal Frau Dr. M besuchte, war ich Studentin und mein Gehalt entsprechend dürftig. Leider habe ich keine Eltern, die in Geld ertrinken und die mich hätten unterstützen können. Also hieß es an jedem Tropfen sparen. Ich nahm deutlich weniger ein als von Frau Dr. M. verordnet aber es funktionierte dennoch. War ich seit meinem 11. Lebensjahr nie länger als vielleicht mal drei vier Monate schmerzfrei, habe ich nun seit Oktober 2015 keine Migräneattacke mehr gehabt. Zum ersten Mal in meinem Leben vergehen mehrere Monate und ich denke nicht an den ganzen Scheiß. Ich nehme mir Dinge vor, ohne darüber nachzudenken, ob ich schnell wieder in (m)ein Bett komme, falls die Migräne mich doch überfällt. Ich hab ja ein Medikament, das hilft.

Wie ich zu Don Quijote wurde. Der Kampf gegen Windmühlen.

Im September 2016 habe ich einen Antrag auf Kostenübernahme bei meiner Krankenkasse gestellt. Ich war mir sicher: Die machen das. Schließlich würden sie immens sparen, wenn sie mir nicht mehr Dutzende Akut- und Prophylaxe-Medikamente, Arztbesuch, manuelle Therapie, Psychotherapien und Co. würden zahlen müssten. Und der Erfolg des Dronabinols und CBDs sprach ja für sich. Pustekuchen. Der Antrag wurde abgelehnt. Das Suchtpotential sei zu groß. Die Wirksamkeit nicht bewiesen. Und mein Leiden würde die Lebensqualität ja nun wahrlich nicht einschränken. Dass ich jahrelange gerne von der nächstbesten Brücke gesprungen wäre, scheint also keine Auswirkungen auf die Lebensqualität zu haben.

Mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes im März versuchte ich es wieder. Diesmal nicht nur mit meiner Privatärztin Frau Dr. M. im Rücken, sondern auch mit meinem Hausarzt, der sich als Kassenarzt bereit erklärte, mir die Rezepte künftig auszustellen. Von beiden bekam ich ausführliche Atteste, die ich zusammen mit einem Schwung weiterer Bescheinigungen meines Neurologen, meiner Therapeutin, meines Ostheopathen und Co. einreichte. Neuer Antrag, neues Glück. Er wurde wieder abgelehnt. Eine der Begründungen: Ich hätte in den Jahren 2016 und 2015 schließlich keinerlei Migräne-Medikamente über die Kasse bezogen. Wie da von Migräne die Rede sein könnte? Ich war sprachlos. Natürlich fanden sich in meiner Krankenkassenakte keine Rezepte für Migräne-Medikamente. Ich bezahlte das Dronabinol und das CBD schließlich weiter privat über BTM-Rezepte! Über das neue Gesetz von Märzt diesen Jahres kann ich nur lachen. Die Idee ist gut aber die Realität ist der Witz. Ein schlechter Scherz. Profitieren tun davon nur die wenigsten Patienten. Im Gegenteil: Der Kampf gegen die Krankenkassen ist so wahnsinnig ermüdend. Dafür braucht man Kraft. Kraft, die man als Patient oft einfach nicht mehr hat.

Jede Ablehnung sorgte für einen emotionalen Break down bei mir. Es ist wahnsinnig frustrierend gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich mache alles, was ich kann um gesund zu sein und zu bleiben. Ich würde mich auf den Kopf stellen und mit den Beinen wackeln, wenn das etwas ändern würde aber das tut es nicht. Ich bitte nie um Hilfe. Nur wenn es gar nicht anders geht. Und dann brauche ich einmal ein Medikament, das nachweislich bei mir im Gegensatz zu allen anderen Medikamenten auf dem Markt hilft und dann sagte die Krankenkasse: „Nö. Machen wir nicht“. Und plötzlich ging das mit dem Kämpfen nicht mehr. Wenn man immerzu gegen Windmühlen kämpft und einem das einzige Medikament, das einem hilft, verwehrt wird, ist das manchmal zu viel. Dann kann man nur noch weinen. So lange bis man den Rotz hochzieht, die Nase in die Luft reckt und einen Widerspruch einlegt. Der Kampf gegen Windmühlen. Und man selbst heißt plötzlich Don Quijote.

Und es bleibt einem nur zu atmen und zu denken „Ich. Hier. Jetzt. Alles andere hat sich nicht bewährt“.

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