Answer To Yourself. Die Sache mit der Familie.

Kaffeepause

Familie_S.Naeher

An Abenden wie diesen, wo wir krank an unser Zuhause gefesselt sind, wo wir Stunden über Stunden abwechselnd auf Sofa oder Sessel gehangen haben, wo wir Bücher gelesen, Zeitschriften durchblättert, Serien geschaut, gestrickt, genäht oder Wikipedia durchforstet haben, kommen wir in schöner Regelmäßigkeit zu dem Moment, in dem wir unruhig werden. Rast- wie ruhelos stromern wir dann durch die Wohnung, untätig irgendetwas mit voller Aufmerksamkeit zu erledigen oder auch nur anzufangen. Wir sollen uns einfach mal etwas Gutes tun. Die freie Zeit genießen. Bald sind wir wieder mitten drin in diesem hektischen, schnellen Leben, das uns manchmal so atemlos macht und das unsere Augen noch größer als ohnehin schon werden lässt. Jaja, schon klar. Wir versuchen es ja. Einfach mal die Untätigkeit genießen. Got it. Bloß: Wir sind ja hier nicht aus Spaß und schniefen das fünfunddreißigste Taschentuch innerhalb von drei Stunden aus bloßer Daffke durch. Und auch die fiebrig glühenden Wangen bereiten uns eher wenig Befriedigung. Also nein, wir können das hier nicht zelebrieren. Weil das keine Freizeit ist, sondern Zwang und das mochten wir eigentlich noch nie. Weil da draußen vor unserer Tür so viel Leben ist, das wartet und weil es uns in den Fingern juckt daran wieder teilzuhaben. Vielleicht auch weil wir unser Leben bei aller Atemlosigkeit auch meistens eigentlich genau so mögen: Vollgestopft mit viel zu vielen Dingen gleichzeitig. Weil unser HSP-Gehirn das braucht: Reize. Sonst werden wir unglücklich. Unzufrieden. Wir fangen an zu zweifeln und stellen in Frage. Passt uns dieses Leben wirklich? Sollte es nicht vielleicht doch hier etwas gekürzt und da etwas nachgebessert werden? Steht uns das? Fühlen wir uns darin wohl? Zwickt es nicht manchmal etwas? Könnte nicht alles viel einfacher sein?

Weihnachten ist wohl insgesamt grundsätzlich prädestiniert für derlei Fragen. Feierlichkeiten, bei denen die Familie zusammenkommt und bei denen jeder sein Leben hübsch mit Schleife garniert auf den festlich gedeckten Tisch knallt, insgeheim etwas ängstlich vor dem bevorstehenden Urteil der anwesenden Lieben. Das macht uns nervös. Und nicht nur wir zaudern, sind gereizt und dünnhäutig: Auch die Verwandtschaft lächelt verkrampft, bemüht die Fassade zu wahren und das Gesicht auch ja nicht zu verziehen. Wie das Amen in der Kirche fällt irgendwann jemand aus der Rolle. Da schmeckt die Vorspeise nicht – oder schlimmer noch: das Hauptgericht – und wumms bricht die Köchin des Abends in Tränen aus. Der Gatte zieht missmutig eine Flappe. An Weihnachten keine Experimente! Das hat er doch fünfmal gesagt! Aber auf ihn hört ja keiner. Auf ihn doch nicht. Der kleine Neffe nickt mit wildem Blick zustimmend und kotzt spontan auf den Wohnzimmerteppich. Aber das macht doch nichts. Kein Problem. Am Essen kann es wenigstens nicht gelegen haben. Hat ja kaum jemand was gegessen. Die Hobby-Köchin ist pikiert und streicht sich missmutig das sorgsam gestylte Haar glatt. Und so wird gewischt, geputzt und trocken gewischt, was das Zeug hält, während die Oma schwer atmend auf der Couch sitzt und den Namen ihres ältesten Sohnes durch den Raum brüllt. Ja, wo ist er denn jetzt schon wieder hin? Warum schenkt ihr denn keiner die innig ersehnte Aufmerksamkeit? Da hat sie extra den weiten Weg aus Brandenburg in Kauf genommen und dann das. Weiß denn keiner wie alt sie schon ist? Das könnte schließlich ihr letztes Weihnachten sein… Die Katze nutzt die Gunst der Stunde und schleicht sich auf den noch immer nicht leer geräumten Esstisch. Der Mann ist empört. Runter da! Wie im Irrenhaus ist das hier! Der Knirps hängt am Hals seiner Mama und will noch mehr Geschenke. Kotzen tut er mittlerweile nicht mehr, also ist der Mund frei für nachdrückliche, dezibelstarke Forderungen nach weiteren Weihnachtspräsenten. Die Mama lächelt milde und wippt dabei im Takt der viel zu lauten Musik, die der Mann angemacht hat, wohl wissend, dass er die Frau in der Küche damit auf die Palme bringt. Erwartungsfroh lauscht er in Richtung Tür. Zuverlässig wird gezetert: Mach das doch mal leiser! Man kann sich ja gar nicht unterhalten! Und der Fernseher ist ja auch an! Der Gatte grinst zufrieden. Der Katze reicht es. Zusammen mit dem Kater verzieht sie sich auf den Schrank im Flur. Wir würden dem Beispiel folgen, fürchten aber trotz einer eher geringen Körpergröße von 1,62 m zu groß zu sein, um uns da oben inmitten von Staubflusen zusammenzukauern, zu dösen und darauf zu warten, dass der Spuk vorbei ist.

Als hätte man unsere Gedanken gehört, spricht man uns an: Was macht eigentlich das Studium? Ja, was macht das Studium? Läuft, nuscheln wir und vergraben unser Gesicht im Weinglas. Aber weil wir eine gute Tochter sind, reißen wir uns zusammen und erzählen der schwerhörigen sowie uninteressierten Frau auf dem Sofa, die schon nach dem zweiten Satz ohnehin nicht mehr zuhört, dass alles ganz fabelhaft ist. Dass wir Spaß dabei haben, was wir tun. Dass wir in unser Atemlosigkeit glücklich sind. Die Großmutter, die nicht unsere ist, brüllt schon wieder. Diesmal nach ihrer Enkeltochter, die brav angestakst kommt. Das ist eine Süße, nicht wahr? So groß ist sie schon geworden! Wir nicken und widmen uns wieder unserem Weinglas. Aber zu früh gefreut. Die Mutter des Prachtmädchens schaut uns neugierig an. Und? Was macht die Liebe? Wir stöhnen innerlich. Nun geht das wieder los. Die Kusine hätte ja jetzt auch ein Kind bekommen. Ein Mädchen. Und der Cousin würde nächstes Jahr sicher heiraten. Jetzt müssten wir uns aber langsam ranhalten, witzelt sie halbernst. Aber das wird schon. Alles hat seine Zeit. Wir legen den Kopf in den Nacken und seufzen.


(The Soft Pack – “Answer To Yourself”)

Die Oma hat inzwischen sowohl die Nase als auch die Blase voll. Sie müsse mal. Ob ihr mal jemand helfen könnte? Die unfreiwillige Köchin des Abends schüttelt entschieden den Kopf. Wo ist denn der Sohn hin? Ach richtig, der ist ja mit der Musikanlage beschäftig. Mit einem Mal verlässt alles den Raum. Einen seligen Augenblick lang sind wir völlig allein in dem Raum, der früher mal unser Kinderzimmer war. Die plötzliche Ruhe lässt viel Platz für die krittelnde Stimme im Oberstübchen, die zusammen mit den Worten der Frau munter geworden ist. Leben wir richtig? Wollen wir den ganzen Stress wirklich? Den Spagat zwischen Uni, Arbeit und Co.? Mit einem Mal sind wir restlos genervt. Und so grätschen wir zurück als der ewig negative Mann das heikle Thema Asylpolitik streift. Wir fahren die Krallen aus und verlieren die Geduld.

Wikipedia sagt zur Familie:

“Des Weiteren erfüllt die Familie eine psychisch-emotionale Funktion, indem sie Identität stiftet, auch im Erwachsenenalter zu sozialer Identität und Selbstbild beiträgt und eine Basis für dauerhaft angelegte soziale Beziehungen innerhalb der erweiterten Familie bildet. Durch Verwandtschaftsbeziehungen entstehen bereits in der Kindheit persönliche Bindungen von hoher emotionaler Bedeutung. Die engen Beziehungen werden später meist auf Lebens- und Ehepartner der Verwandten erweitert und bis ins hohe Alter aufrechterhalten. Sie werden durch Familienbesuche und Familienfeste zelebriert.”

Was sagt unsere Familie über unser Bindungsverhalten aus? Über unsere eigene Identität? Zählt nur die tatsächliche, blutsverwandte Familie oder auch solche, mit der man groß geworden ist? Die im Patchworkstyle einfach irgendwann aufgetaucht und meistens nach einigen Jahren wieder verschwunden ist? Und zelebrieren wir gerade wirklich unsere Familie oder ist das hier nicht nur ein einmal jährlich stattfindendes Schaulaufen der eigenen Lebensentwürfe mit vielen Rechtfertigungsversuchen von allen Seiten für die persönlichen Entscheidungen?

Ratlos und hustend schließen wir irgendwann spät nachts unsere Wohnungstür auf. Aufatmen. Wir hängen an unserer komischen, stetig wackelnden, sich verändernden Familie aber sie zeigt uns unsere Grenzen auf. Sie vermag es uns anzupieken und auf die Palme zu bringen, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Vielleicht ist das Familie: Ein Barometer dafür, ob wir gelassen bleiben und sagen können: “Ja, ich liebe mein Leben genauso wie es ist”. Und so kriechen wir in das beste Bett der Welt, blinzeln träge aus dem Fenster in die Dunkelheit und fragen uns, wo sie eigentlich herkommt, diese ewige Rastlosigkeit. Dieser seltsame Drang nie stehen zu bleiben. Nicht zu rosten. Dazuzulernen. Um irgendwann vielleicht unser Lunge doch mal etwas Ruhe gewähren zu können.

(Wie immer gilt: Nicht jedes getippte Wort entspricht der Realität. Wir lieben unsere Familie und bleiben gerne stehen. Allerdings rosten wir auch ungern.)