Schmerzpatientin vs. Krankenkasse: Cannabis auf Rezept – Ein Update.

Kaffeepause

Dass Migräne ein Arschloch ist, hatte ich bereits mehrfach erwähnt. Letztes Jahr im Juni sogar in der Ich-Form – eine absolute Ausnahme auf HatOnHead. Der sehr ermüdende, wahnsinnig Kräfte zehrende Kampf mit meiner Krankenkasse um die Kostenübernahme des einzig bei mir wirksamen Medikaments, nahm damals solch absurde Ausmaße an, dass meine Finger irgendwann von meinem heftig und wütend vor sich hin pumpenden Herz überwältigt wurden. Der ganze Frust, die ganze Verzweiflung und die ganze Wut musste raus. Also schrieb ich darüber, wie es ist als Schmerzpatientin darum zu kämpfen ein Medikament von der Kasse bezahlt zu bekommen. An sich nichts ungewohnliches. Nur eben, dass mein Medikament Cannabis ist. Damals habe ich sehr viele Zuschriften zu meinem Blogbeitrag bekommen. Viele boten ihre Hilfe an oder schrieben einfach nur, dass ich durchhalten und mich melden soll, wenn es etwas Neues gibt. Etwas über ein halbes Jahr später ist es nun Zeit für ein Update.


Mir war gar nicht klar, in was für ein Wespennest ich mit meinem Blogbeitrag gestochen hatte. Plötzlich sprachen mich von allen Seiten Menschen an, die mein Problem kannten. Die selbst Migräne hatten oder wussten, wie es ist, mit der Krankenkasse um jeden Scheiß zu streiten. Das war teilweise fast schon zu viel, weil die Migräne irgendwann überall ein Thema war. Ich wurde sie nicht mehr los. Tagsüber rannte ich nach der Arbeit entweder von einem Arzt zum anderen, um zusätzliche Atteste zu bekommen oder ich schrieb seitenlange Selbstauskünfte über die Migräne für die Krankenkasse und wie sie mich in meinem Leben beeinflusste. Ein großer Spaß, wenn man von manchen Erlebnissen ohnehin schon traumatisiert und nun gezwungen ist diese wieder und wieder zu erzählen, sie bis ins kleinste Detail aufzuschreiben. Wie das ist plötzlich alleine unterwegs Migräne mit starker Aura zu bekommen und überhaupt gar nichts mehr zu sehen? Scheiße ist das. Da steht man dann eben auch mal weinend auf der Straße und weiß nicht mehr, wie man den Weg nachhause finden soll. Man sieht ja schließlich nichts.

Manchmal ist das Gegenteil von gut gut gemeint. Und so erzählten mir liebe Bekannte beim Kaffeeklatsch von ihren Migräneattacken, genauso wie Kommilitoninnen bei der Projektarbeit und sogar abends in Bars kam das Thema auf. Und natürlich: Irgendwann bekam ich dann wieder Migräne. Knapp drei Wochen vor meinem “Zwei-Jahre-migränefrei-Geburtstag”, den ich so fett im Kalender markiert hatte und den ich groß feiern wollte. Vielleicht war ich selbst schuld. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet. Ich vertraute meinen Medikamenten voll und ganz. Rückblickend würde ich sagen, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt vollkommen übernommen hatte. Das ganze Gerede über Migräne, das dadurch permanent bestehende, latente Gefühl von Panik. Die viele Arbeit. Der Stress. Der alberne Versuch das an Freizeiterlebnissen binnen kürzester Zeit nachzuholen, was ich in all den Jahren aufgrund der Migräne nicht konnte. Abends nach der Arbeit noch zu Konzerten oder sonstigen Veranstaltungen zu gehen und auch mal zwei Gläser Wein zu trinken, ohne Angst zu haben, das der Kopf sich rächen könnte.

Der Höhepunkt war dann eine Lesung im September. Nach der Arbeit nachhause rennen, im Stehen ein Brot essen und wieder losrennen. Ewig auf den verspäteten Bus warten. Schließlich in der überfüllten U-Bahn sitzen und krampfhaft aufdringliche Blicke gepaart mit absurdem Geschnalze ignorieren. Was bin ich? Ein Tier im Zoo, das auf Schnalzlaute reagiert? Schließlich atemlos, verschwitzt und viel zu spät bei der schon wartenden Freundin ankommen. Die Treppe hoch zur Bar hasten, feststellen, dass die Lesung schon vor einer halben Stunde begonnen hat, von Reizen überflutet werden und anschließend mit der Freundin über Migräne reden. Zu angetrunken sein um sagen zu können, dass das gerade nicht geht. Das man das Thema nicht mehr hören kann, weil es immer noch Panik verursacht und so omnipräsent ist, dass man schreien könnte. Ein fast leerer Magen verträgt sich nicht mit Müdigkeit und Alkohol. Am nächsten Tag völlig ermüdetet zur Arbeit. Verkrampft am Schreibtisch sitzen. Und dann: In der letzten halben Stunde Sehstörungen bekommen. “Ach krass” denken und dann nur noch “Scheiße”.

Aber wie wohl alles, hatte auch die Folge des Blogbeitrags zwei Seiten. Plötzlich hatte ich Journalisten und Experten an der Strippe, die mir telefonisch erklärten, wie ich am besten vorgehen sollte und dass es sinnvoll wäre alles ausschließlich nur noch schriftlich mit der Krankenkasse zu klären. Ich habe E-Mails von wahnsinnig netten, mitfühlenden Leserinnen und Lesern bekommen, die mir Kraft wünschten. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit dieser Anteilnahme. Aber es war gut. Genau das hatte ich gebraucht. Jede E-Mail war ein virtueller Arschtritt wieder auf die Beine zu kommen und weiterzukämpfen und jeder Kommentar bei Facebook ein Ansporn – selbst die negativen, in denen höhnisch erklärt wurde, man wäre naiv, wenn man glauben würde jemals eine Kostenübernahme gewährt zu bekommen. Dass das alles ein abgekartetes Spiel wäre und wir Patientinnen und Patienten einfach nur verarscht werden würden. Vielleicht waren es gerade diese Aussagen, die den Trotz in mir weckten. Jetzt erst recht! Also mal wieder von vorne: Nase abputzen, Kinn in die Luft recken und das nächste Schreiben an die Krankenkasse schicken.

Vermutlich rettet einen eine gewisse Portion Sturheit in solchen Momenten. Augenblicke, in denen man denkt, dass das doch alles für die Katz ist. Dass man keine Kraft mehr hat und das dass verdammt nochmal jetzt auch wenigstens einmal glatt laufen könnte. Tut es nicht. In meinem Leben läuft nichts glatt. Bei mir holpert es. Ich stolpere, fall hin und hole mir Blessuren. Ich gehe Umwege. Ständig. Aber das ist okay, denn mittlerweile weiß ich: Auf diesen Umwegen komme ich eben auch zum Ziel. Meistens sehe und erlebe ich dabei noch viele Dinge, von denen manch anderer nur träumen kann. Dinge, die einen ganz eigenen Charme besitzen. Zum Beispiel, dass wildfremde Menschen mitfiebern, was bei mir und meiner Krankenkasse so abgeht. Dass man nicht alleine mit seinen Problemen ist. Das ist ein verdammt gutes Gefühl. Und auch die Blessuren sind irgendwann nur noch feine Narben, die mich daran erinnern, dass ich eigentlich verdammt stark sein muss, wenn ich das alles so durchstehe.

Und mit diesem leisen, warmen Gefühl im Magen erträgt man dann auch die doofen Kommentare, die natürlich nach dem Veröffentlichen des Beitrags kamen. Von Kollegen, die witzelten, warum man sich das Zeug nicht einfach auf dem Schwarzmarkt holen würde. Irgendwer rief sogar mal “Geil! Kiffen!”. Andere fragten, ob ich denn nun dauernd high wäre und wie das denn so funktionieren würde mit der Arbeit?

Da ich mich beim Schreiben damals selbst für mehr als nur eine Nanosekunde gefragt habe, ob das wirklich so eine gute Idee ist, für jeden sichtbar, öffentlich zu erzählen, dass ich medizinisches Cannabis bekomme, gibt es die Antworten auf diese Fragen nun mit Verzögerung aber dafür umso ausführlicher:

Frage 1: Bin ich dauerhigh?
Nein, ich bin nicht ständig high. Eigentlich sogar so gut wie nie, es sei denn ich bin völlig übermüdet und habe meine Tropfen lange Zeit nicht genommen. Es tritt mit der Zeit ein gewisser Gewöhnungs- sowie Entwöhnungseffekt ein. Meine Medikamentendosis ist außerdem verschwindend gering. Ich fang schon an zu kichern und entspannt mit den Beinen zu wackeln, wenn ich nur ein paar Tropfen nehme, was rein medizinisch betrachtet eigentlich fast unmöglich ist. Allerdings durfte ich in der Vergangenheit schon Betablocker und Antiepileptika in ohnehin bereits minimalen Dosen vierteln, weil ich sogar bei der kleinsten Menge tellerrandgroße Pupillen bekam, was meinen Neurologen damals regelmäßig mehr als erschrocken zusammenfahren ließ. Hochsensibel, sag ich mal.

Frage 2: Konsumiere ich Cannabis auch während der Arbeit?
Erstmal: Ich rauche das Zeug nicht, sondern bekomme ölige Tropfen. Ein kleines Fläschchen mit THChaltigem Öl (“Dronabinol”) und einem sauberen Etikett mit meinem Namen drauf sowie eines mit CBD-Öl. Beide sind mein ständiger Begleiter geworden und passen in jedes Handtäschchen. Die Folge: Ich kann extrem gut dosieren bzw. mit dem Verhältnis von THC und CBD spielen. So merke ich recht flott nach spätestens 40 Minuten, ob ich gerade etwas zu viel genommen habe. So lange brauchen die Tropfen nämlich bis sie wirken. Obgleich ich die Tropfen eigentlich mindestens zwei- bzw. besser dreimal am Tag nehmen sollte, habe ich mir angewöhnt sie nur nach der Arbeit zu nehmen. Es sei denn mein Rückgrat bricht gefühlt morgens schon durch und der Kopf dröhnt unheilverkündend. Das ist aber eher selten der Fall. Und selbst dann bin ich nicht völlig dicht. Schlimmstenfalls ist meine Aussprache etwas schwammiger. Das merkt aber in der Regel niemand außer mir selbst. Wäre ich auch nur ansatzweise benommen, würde ich nicht arbeiten.

Kleine Anekdote am Rande: Als ich vor knapp anderthalb Jahren auf einem Parkplatz in Portugal nach einem Besuch am Praia do Barranco, dem “Hippiestrand” der Region, meine Fläschchen rausholte und mir brav die verordnete Dosis auf die Zunge träufelte – neugierig beäugt von ein paar kunterbunten Gestalten -, habe ich mir in meiner Unschuld so rein gar nichts gedacht. Für mich war und ist Cannabis ein Medikament. Nicht mehr und nicht weniger. Bis wenige Minuten später dann meine Begleitung neugierig gefragt wurde, ob ich da flüssiges LSD hätte? Für jemanden, der in seinem Leben noch nicht mal an einer Zigarette gezogen hat, weil ihn der künstlich herbeigeführte Rausch so überhaupt nicht reizt, ein äußerst erheiternder Gedanke. So viel zum Thema Tropfen.

Frage 3: Warum kaufe ich mir eigentlich kein Gras auf dem Schwarzmarkt? Schließlich wohne ich doch unmittelbar am Görlitzer Park in Berlin.
Ganz einfach: Ich habe in meinem Leben noch nicht einmal einen Kaugummi geklaut und das nicht nur, weil Gerechtigkeitsempfinden und Unrechtsgefühl bei mir übertrieben stark ausgeprägt sind. Ich kann nicht lügen oder schauspielern. Meine Augen sind von Natur aus schon riesengroß. Denen sieht man jedes Vergehen sofort an. Abgesehen davon, dass ich mich also niemals trauen würde etwas Illegales zu tun, nur um mich in irgendeiner Form zu bereichern, wüsste ich auch nie, was für eine Qualität ich da bekomme. Wusste ich vorher nichts über Cannabis, habe ich meine (theoretischen) Hausaufgaben in den letzten Jahren gewissenhaft gemacht. Jede Grassorte ist anders und hat einen oft stark von einander abweichenden THC- bzw. CBD-Gehalt. während ich jetzt genau sagen kann, wieviel Prozent THC in meinen Tropfen sind, habe ich dezente Zweifel, dass mir einer der freundlichen Verkäufer am und im Görlitzer Park sagen könnte, wie das bei dem kleinen Plastikbeutelchen in seiner Tasche aussieht. Das Risiko, dass ich gnadenlos überdosiere oder miese Zusatzstoffe erwische, ist groß. Davon abgesehen habe ich Asthma. Rauchen ist also sowieso schon nicht drin. Natürlich könnte ich auch vaporisieren aber selbst dann würde ich den Inhalt der kleinen, hübschen Verdampfungsgeräte nicht auf dem Schwarzmarkt kaufen.

Frage 4: Kann ich mal probieren?
Sorry Buddy, aber nein. In der Regel fragt man seine Freunde ja auch nicht, ob sie ihre Herzmedikamente oder sonst was mit einem teilen. Es ist für mich wie gesagt ein Medikament. Ich teile gerne Aspirin, Ibuprofen und Co., also alles, was man auch einfach so in der Apotheke kaufen kann aber das war’s. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern mit einem vermutlich sehr strikten Verständnis von Medikamenten. Uncool, ich weiß, aber ich habe auch nie behauptet, dass ich cool wäre.

Frage 5: Was ist denn nun alles seit dem letzten Blogbeitrag im Juni 2017 passiert?
Eine Menge. Ich wurde u.a. Mitglied im VdK und kam deswegen in den Genuss der Rechtsberatung. Es macht eine Menge aus, ob man in seinen Schreiben ein paar Paragraphen nennen kann, die einem vorher von einer Anwältin diktiert wurden oder ob man einfach so frei Schnauze drauflos schreibt. Zum einen beruhigt es ungemein und zum anderen zeigt es der Krankenkasse, dass man sich Verstärkung geholt hat. Dass man eben notfalls auch vor das Sozialgericht ziehen würde, wenn der Widerspruch ebenfalls abgeschmettert wird.
Ich habe außerdem meinen Neurologen ins Boot geholt, der mich schon betreut seit ich 14 bin. War er damals noch kategorisch gegen eine Behandlung mit Cannabis, war er nun von dem Erfolg bei mir so positiv überrascht, dass er nun ebenfalls bereit war mich zu unterstützen. Mit zwei Kassenärzten im Rücken, Dutzenden Attesten und dem festen Entschluss im Notfall zu klagen, fiel es der Krankenkasse vermutlich irgendwann schwer noch auf ihrem Standpunkt zu beharren.

Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Es zog sich über Monate hin. Ging mein Widerspruch gegen die Entscheidung der Kasse im Mai 2017 ein, habe ich tatsächlich bis Mitte Januar warten müssen, bis ich die Zusage für die Kostenübernahme im Briefkasten hatte. Jetzt habe ich sie endlich. Gefühlt ist mir eine ganze Gebirgskette vor Erleichterung von der Seele geplumpst.
Aber auch so habe ich einiges geändert. Ich meditiere jetzt tatsächlich jeden Morgen, versuche täglich mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft zu sein, mache regelmäßig Atem- und Entspannungsübungen, Yoga und Gymnastik für den Rücken. Wenn der Stress in mir hochkocht, zwinge ich mich zu atmen. Solange bis das Herz wieder Ruhe gibt und ich einigermaßen gelassen bin. Ich stoße Menschen mittlerweile öfter vor den Kopf, wenn ich das Gefühl habe, dass es mal wieder zu viel wird und ich Zeit für mich brauche. Ich achte auf mich und ziehe eher die Notbremse. Das ist schwer aber es funktioniert immer besser. Es muss sein. Und langsam aber sicher dreht sich auch das Gedankenkarussell etwas langsamer in meinem Kopf.

Gestern habe ich meine erstes Kassenrezepte für “Dronabinol” und “CBD-Lösung” in der Apotheke abgegeben. In der Apotheke, die direkt unter jener Bar ist, in der sich an diesem seltsam-stressigen Tag im September in meinem Gehirn die letzte Migräneattacke zusammengebraut hat. Kommende Woche kann ich meine Medikamente dann dort abholen. Bezahlen muss ich nur die Rezeptgebühr. Vielleicht gehe ich danach hoch in die Bar, trinke ein Glas Wein und stoße mit mir selbst an. Darauf, dass der Spuk jetzt hoffentlich erst mal ein Ende hat und ich zumindest diesen Kampf gewonnen habe. Darauf, dass ich nicht nur Rehkitz, sondern auch Löwin bin. Große Augen, oft etwas scheu aber eben auch verdammt stark.

Nützliche Links rund um Anträge auf Kostenübernahme, Widersprüche und Cannabis:
Hanfverband
Alles rund um den Widerspruch
Weiteres zum Widerspruchsverfahren
Selbsthilfenetzwerk Cannabis-Medizin
Cannabis bei Migräne
Vorbeugung mit Cannabinoiden bei Migräne
Definition “schwerwiegende chronische Erkrankung”
Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin