“Bauerfeinds Auslese” und “Nagel mit Köpfen” – Lesungen 2.0.

Literatur

Warum sollte man eigentlich noch zu Lesungen gehen und jemandem beim drögen, hartnäckigen Runterrattern der eigenen Werke zusehen – natürlich unter größtmöglicher Vermeidung jeglichen Blickkontakts mit dem Publikum? Die Antwort ist simpel: Weil Literaturevents so längst nicht mehr sind. Im Gegenteil. Veranstaltungsreihen wie “Bauerfeinds Auslese” oder “Nagel mit Köpfen” sind der lebende Beweis dafür, dass eine Lesung nicht die bloße Wiedergabe von geschriebenen Wörtern sein muss, sondern richtig Spaß machen kann.


Nahezu jeder kennt sie: die klassische Lesung. Man sitzt auf einem meist unbequemen, eher notdürftig irgendwo hervorgeholten Stuhl in einer x-beliebigen Buchhandlung, nippt an seinem winzigen Weinglas, dessen Inhalt trotz des stolzen Preises bereits beim Trinken den Kater am nächsten Morgen erahnen lässt und hört dabei zu, wie jemand Wort für Wort und 1:1 genau das vorträgt, was man doch eigentlich selbst schon zuhause gelesen hat. Der einzige Unterschied: Zuhause saß man wenigstens auf einem bequemen Sessel mit einem Kaffee in der Hand und Krümeln vom verspeisten Butterbrot auf dem T-Shirt. Als wir kürzlich den Weg in den Berliner Heimathafen antraten, um der wunderbaren Sarah Kuttner dabei zuzuhören, wie sie mittels Smartphone Übermedien-Teilkopf Stefan Niggemeier liebevoll ärgerte und nebenbei aus ihrem Buch “180 Grad Meer” vorlas, fragte unsere nicht ganz so lesewütige Begleitung genau das: Warum gehen wir eigentlich zu Lesungen? Ist das so wichtig für uns nochmal den Autor zu dem Werk zu sehen? Rundet das unser Bild von einem Buch ab?

Wir haben gestutzt und kurz überlegt. Ist das so? Ist der Autor und seine Sicht auf die Dinge für uns wichtig? Nicht wirklich. Aber wir wissen es zu schätzen, wenn wir bei Lesungen merken “Aha, jetzt betont der das so und so. Das gibt dem ja eine völlig neue Bedeutung”. Oder wenn da plötzlich eine Erklärung für eine Passage auftaucht, die uns beim Lesen schon ratlos zurückgelassen hat. Wir mögen kleine Anekdoten zum Geschriebenen. Winzige Zusatzinformationen zu der Geschichte, die uns so herrlich hat versinken lassen. Und ja, es rundet das Gesamtbild etwas ab. Aber gehen wir deshalb zu Lesungen? Nö.

Quelle: www.festsaal-kreuzberg.de

Wenn man sich Veranstaltungen wie “Bauerfeinds Auslese” oder “Nagel mit Köpfen” anschaut, merkt man auch schnell: Hier geht es gar nicht mehr ausschließlich um irgendwelche Bücher, die die auf der Bühne sitzende Person irgendwann mal geschrieben hat. Vielmehr kriegt man ein buntes Potpourri an Lektüre, Ideen, Gedanken, spaßigen Erzählungen und Blödeleien geboten, das verdammt viel Spaß machen kann.

Quelle: www.festsaal-kreuzberg.de

Das Konzept beider Veranstaltungsreihen ist dabei ähnlich. Der kleinste gemeinsame Nenner: die Fahimi Bar. Hier kann man nicht nur die Frau mit der erotischsten Stimme sowie der tollsten Lache ever (Katrin Bauerfeind) dabei erleben, wie sie zusammen mit Gästen wie Oliver Wnuk, Bjarne Ingmar Mädel oder Sarah Kuttner Gebrauchsanweisungen für das Ehefrauendasein oder Amazon-Bestsellerlisten vorträgt, sondern auch Tausendsassa Nagel. Der liest übrigens auch gerne Sachen von Amazon vor. Im Gegensatz zu Frau Bauerfeind bevorzugt er allerdings die Rezensionen des Online-Verkaufsriesen, die er passend zu der Person raussucht, die ihn jeweils gerade besucht. In der ersten Ausgabe am letzten Dienstag war das John Niven. Und machen wir uns nichts vor: Der ist ja sowieso toll, egal was er macht. Auch hier wurde aus alten wie neuen Büchern Nivens gelesen (“Gott bewahre” und Co.), aus dem Nähkästchen geplaudert (Donald Trump hat den Niven bei Twitter geblockt!) und das ein oder andere Foto aus dem Familienalbum gezeigt (Nagel mit Nivens Mama an Weihnachten).

Der Effekt: Man fühlt sich ein bisschen so als würde man heimlich dabei zusehen, wie die beiden Gastgeber mit guten Freunden und Bekannten zuhause auf der Couch sitzen, rauchen, Wein trinken, über phantastische Bücher und inspirierende Menschen reden und einfach eine gute Zeit haben. Man selbst kann dabei sein. Im dunklen Hintergrund der Fahimi Bar sitzen, seinerseits am Wein nippen und vor lauter Lachen alle Nase lang den Kopf in den Nacken werfen. Bestenfalls hat man hinterher eine Liste mit hastig notierten Titeln von Büchern und Autoren in seinem Smartphone, mit denen man sich dringend mal beschäftigen sollte. Schlimmstenfalls hat man einfach nur so stark gelacht, dass man das Glas im Eifer des Gefechts etwas zu heftig geschwenkt und seine Bekleidung durchnässt hat. Kurz: Man kann nicht wirklich verlieren. Im Gegenteil. Und irgendwie ist es doch wirklich nett zu wissen, dass man sich alle paar Wochen mal am Kottbusser Tor in die aquariumartige Fahimi Bar setzen und abtauchen kann. Nur zuhören und ein bisschen versinken. Quasi Konzerte nur ohne Stehen und Ellbogen im Gesicht. Sozusagen die Lesung 2.0. Wir sind Fan.