Mit dem Baby bitte draußen bleiben!

Highlights, Kaffeepause

(Photo by Rod Long on Unsplash)

„Mit dem Kinderwagen hier nicht rein!“ Der Kellner verwies uns mit einer rüden Bewegung der Lokalität und wir standen da. Mit knurrendem Magen und einem zwei Monate alten Baby, das uns die Stadt, seine Cafés, Restaurants und Läden plötzlich ganz anders sehen ließ.


Unsere Tochter war so plötzlich und überraschend in unsere Welt gerauscht, dass uns manchmal noch ganz schwindelig von dem Gedanken wurde, wie schnell und gravierend sich unser Alltag verändert hatte. Als klar war, dass mit einem Mal so ein kleines Gummibärchen in meinem Bauch wuchs, hatten wir uns riesig gefreut und große Töne gespuckt: Die Kleine sollte überall dabei sein. Das Leben sollte nicht um sie herum gebaut werden, sondern wir wollten sie in unser Leben integrieren.

Wir waren immer viel unterwegs gewesen, bevor ich schwanger wurde. In Cafés, Bars, Restaurants, in Museen, Galerien, bei Konzerten oder einfach nur bei Freunden am Küchentisch. Rückblickend betrachtet waren wir wohl reichlich naiv als wir beschlossen, dass sich daran nicht allzu viel ändern sollte. Warum sollte man ein Kind nicht mit ins Restaurant oder Café nehmen, wenn der Nachwuchs dabei glücklich war? Wieso nicht mit dem Kinderwagen durch diese neue, spannende Ausstellung schlendern? Dass wir unsere Zeit nicht mehr in rauchigen Bars und Kneipen bei Schachspiel und Kaffee oder Bier verbringen würden, war selbstverständlich. Konzerte waren für den Anfang vermutlich auch nicht die beste Option. Aber der Rest? Was sprach dagegen?

Wenn wir heute an unsere Blauäugigkeit zurückdenken, müssen wir beinahe lachen. Der Plan unser Leben vor dem Kind nicht völlig aufzugeben, scheiterte recht schnell an der Realität. Die Großeltern unserer Kleinen waren zu Besuch in Berlin und hatten Hunger. „Kein Problem“, dachten wir und schlenderten zu der kleinen, vertrauten Pizzeria in unserer Straße. Da unsere Tochter zu den wenigen Würmchen gehört, die Tragetüchern oder –systemen freundlich ausgedrückt eher skeptisch gegenüber stehen, war der Kinderwagen zu diesem Zeitpunkt bereits unser treuster Begleiter. Hier drin fühlte sie sich wohl, bestaunte die Welt und alles was in ihr Blickfeld geriet. Hing über dem Kinderwagen vielleicht sogar eine interessante Lampe, war sie selig. So lag sie durchaus mal zwei Stunden zufrieden da, nuckelte friedlich an ihrem Schnuller und gluckste ab und an fröhlich vor sich hin. Beste Voraussetzungen also für einen Besuch im Restaurant. Eigentlich.

Photo by Micael Widell on Unsplash

In der Realität angekommen

„Mit dem Kinderwagen hier nicht rein!“ Der Kellner der Pizzeria machte sich kaum die Mühe uns anzusehen. Vorsichtig erklärte mein Freund, dass unser Baby noch nicht alleine sitzen konnte und sie bereits zu viele Nudeln mit Tomatensauce und Pizzakrümel auf den Kopf gekleckert bzw. gebröselt bekommen hatte, weil ihre Eltern das mit dem Multitasking nicht so gut auf die Reihe bekamen. Für eine halbwegs aufrechte Haltung auf dem Schoß musste man die Kleine mit beiden Händen festhalten und da blieb das Essen für eine Person dann doch etwas auf der Strecke. Der Kellner blieb hart. Obgleich der Kinderwagen mit minimalem Aufwand wunderbar in einer Ecke neben dem Tisch geparkt hätte werden können, wurden wir weggeschickt. Hungrig und wahnsinnig ernüchtert sahen mein Freund und ich uns an. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Das gleiche Spiel wiederholte sich in drei weiteren Restaurants. Erst in einer Art Schnellrestaurant durften wir schließlich bleiben.

Das Phantom “Barrierefreiheit”

An den Spießrutenlauf auf den teils wirklich grauenhaften Gehwegen in Berlin hatten wir uns gewöhnt. Auch daran, dass Autos oft bevorzugt so parken, dass man mit dem Kinderwagen beim Überqueren der Straße einmal einen großen Bogen über die Kreuzung machen darf, weil der direkte Weg versperrt war. Dass überall in der Stadt plötzlich Treppen lauerten, an Dutzenden Bahnhöfen keine Fahrstühle existierten und die Schlaglöcher auf den Straßen teilweise so groß waren, dass kleine Kinder darin baden könnten, sahen wir schon fast gar nicht mehr. Wir fragten uns zwar manches mal besorgt, wie Rollstuhlfahrer in diesem Chaos wohl zurecht kamen aber wir akzeptierten irgendwann Schultern zuckend, dass wir nun grundsätzlich riesige Umwege machen mussten, um unbeschadet an das Ziel zu kommen. Dass mit einem Mal jedoch rund 80% der Restaurants und Cafés für uns unzugänglich waren, weil wir ein Baby hatten, das auf dem Arm nach spätestens einer halben Stunde anfing zu nörgeln… das überraschte uns dann doch.

Wir waren frustriert. Frustriert und enttäuscht von dieser Stadt, in der man sich zur kalten Jahreszeit nur noch entscheiden konnte zwischen „Kindercafé“, „Imbiss“ oder „zuhause bleiben“. Ein Leben ohne die Kleine war unvorstellbar für uns aber wir wollten nicht permanent in der Windelwelt leben und uns nur noch ausschließlich im Kreise anderer Eltern aufhalten. Wir brauchten das ab und an mal dem Gespräch am Nachbartisch zu lauschen, bei dem es sich nicht um den seltsamen Stuhlgang des Babys, Wundschutzcreme oder Stillkleidung drehte, sondern um das letzte Tinder-Date, den neusten Kinofilm oder die geplante Weltreise.

Vom Gefühl unerwünscht zu sein

Die Szene wiederholte sich seitdem noch vielfach. Wir können gar nicht mehr zählen wie viele Stunden wir bereits mit knurrendem Magen durch die Gegend gelaufen sind – auf der Suche nach einem Restaurant, in das man mit dem Kinderwagen rein durfte. Und so passierte, was wir eigentlich nie wollten: Wir verbringen unsere Zeit mittlerweile meistens zuhause. Mit dem dumpfen Gefühl, dass man als Eltern nicht mehr am sozialen und kulturellen Leben der Großstadt teilnehmen darf. Dass man mit Baby in Restaurants und Cafés schlichtweg nicht erwünscht ist, auch wenn es sich nicht um den neusten hippen Szeneschuppen handelt. Man hat zuhause zu bleiben, bis die Kleinen groß sind und nicht mehr quengeln, mit Brokkoli werfen oder sich und die Umgebung großflächig vollkleckern. Zu gewissen Teilen verstehe ich das sogar. Es macht vielleicht etwas Mühe und nicht jeder hat Lust einen Tisch ein wenig zur Seite zu rücken, damit ein Kinderwagen in den Laden passt. Auf Wickeltische oder ähnliches hoffe ich schon gar nicht mehr. In kleinen, engen und gut besuchten Lokalitäten ist das nachvollziehbar. Aber in denen mit ausreichend Platz fühlen wir uns dann doch etwas diskriminiert. Ausgeschlossen. Wir dürfen nicht mehr mitspielen in dem Teil vom Berliner Großstadtleben, der uns immer so gut gefallen hat.